Kann Minimalismus zu mehr Entspannung beitragen?

Kann Minimalismus zu mehr Entspannung beitragen?

Minimalismus gehört zum Spektrum der „freiwilligen Einfachheit“. Charakteristisch dafür ist eine bewusst nicht-materialistische Lebensweise, die einen hohen Konsum ablehnt. Minimalisten haben sich also bewusst dazu entschieden, weniger Dinge zu kaufen und zu konsumieren.

Materialismus

Im Kontrast dazu steht Materialismus, der in der Wissenschaft mit einem niedrigeren Wohlbefinden assoziiert wird. Menschen, die vorwiegend nach materiellen Dingen streben, sind tendenziell unglücklicher. Daher erscheint eine minimalistische Lebensweise erst einmal sinnvoll.

Es ist aber wichtig, klarzustellen, dass man nicht direkt unglücklich ist, nur, weil man materielle Dinge besitzt. Es ist nichts falsch daran und zudem können materielle Dinge oft nützlich sein. Möchte man Großes leisten, ist Geld oft unerlässlich – möchte man zum Beispiel eine Schule in Afrika errichten, wird Startkapital benötigt.

Entspannung und Minimalismus

Bezogen auf eine höhere Entspannung kann ein minimalistischer Lebensstil bis zu einem gewissen Maße durchaus hilfreich sein.

Entspannung

In einer Gesellschaft, die von sozialen Medien, Netflix und den neusten Modetrends geprägt ist, bekommt man schnell das Gefühl, nicht genug zu sein. Man möchte immer mehr. Besser sein als andere, mehr besitzen als andere, hübscher sein als andere.

Wenn man diese Dinge alle auf einmal erreichen möchte, wird man schnell überfordert sein. Man ist gleichzeitig auf YouTube, Instagram, WhatsApp, isst nebenbei – und zusätzlich muss man sich auch noch mit Schule, Uni oder Job beschäftigen.

In diesen Punkten kann eine minimalistischere Lebensweise zu mehr Entspannung verhelfen. Beispielsweise, indem man den Konsum von YouTube und anderen sozialen Medien einschränkt bzw. diesen z. B. beim Essen ganz sein lässt. Man kann sich somit voll aufs Essen konzentrieren, ohne abgelenkt zu werden. So etwas nennt man auch Single-Tasking, da man sich nur mit einer Sache gleichzeitig beschäftigt. Leider funktioniert Multi-Tasking im Gegensatz dazu nicht und sorgt eher dafür, dass wir gestresst und überfordert sind.

Eine bewusste Lebensweise

Schränkt man sich völlig ein und konsumiert kaum noch Dinge, wird man leider sehr wahrscheinlich keine Entspannung empfinden. Der Fakt, dass man durch diese neue Lebensweise zwangsläufig alle seine Lebensbereiche überdenkt, kann einen stressen. Wenn man zum Beispiel Freunde hat, die gerne ausgehen und auch mal Alkohol, Shisha o. ä. konsumieren, wird man sich sehr wahrscheinlich von ihnen abgrenzen. Es kann sehr stressig sein, in einer Konsumgesellschaft keine sozialen Medien zu nutzen, kaum Anziehsachen zu kaufen und kaum auszugehen.

Trotzdem erachte ich eine bewusste Lebensweise als sehr wichtig. Du solltest dich damit beschäftigen, warum du was tust. Zudem kann, wie oben schon erwähnt, Single-Tasking zu höherer Entspannung beitragen. Mache nicht fünf Dinge gleichzeitig, sondern gehe Schritt für Schritt vor. Wenn du isst – iss nur. Wenn du liest – lies nur. Wenn du YouTube schaust – schau YouTube, ohne gleichzeitig bei WhatsApp zu schreiben oder auf Instagram zu sein.

Minimalismus

Ich meine damit also, dass eine achtsamere Lebensweise zu mehr Entspannung verhelfen kann. Wenn man nicht das Gefühl hat, tausend Dinge gleichzeitig erledigen zu müssen, fühlt man sich freier. Und zu so einer Lebensweise kann auch ein minimalistischerer Lebensstil gehören.

Der gesunde Mittelweg

Minimalismus kann also zur Entspannung beitragen, wenn man sich damit nicht auch noch überfordert. Zwingt man sich, nur noch Bio-Produkte zu kaufen, kaum mehr auszugehen, keine sozialen Medien zu konsumieren etc., wird man sich wahrscheinlich genauso gestresst – wenn nicht noch gestresster – fühlen als vorher.

Balance

Ich halte es daher für wichtig, eine Balance zwischen Genuss und einer bewussten Lebensweise zu finden, wenn man entspannter werden möchte. Sei dir bewusst, was du tust und schränke dich in bestimmten Bereichen ein aber überfordere dich nicht und genieße auch mal etwas, was vielleicht nicht ins Schema von Minimalisten passt.

Wichtig ist auch, dass du deine persönliche Lebensweise findest, denn wir alle nehmen Dinge unterschiedlich wahr. Das individuelle Wohlbefinden variiert von Person zu Person. Manche Personen benötigen vielleicht kaum etwas Materielles, um sich gut und entspannt zu fühlen, wohingegen andere vielleicht bestimmte Dinge benötigen.

Literaturangaben

Hausen, J. E. (2018). Minimalist life orientations as a dialogical tool for happiness. British Journal of Guidance & Counselling. doi: 10.1080/03069885.2018.1523364

Kasser, T. (2002). The high price of materialism. Cambridge: A Bradford Book, The MIT Press.

Sarah

Ich bin Sarah und Psychologin (B. Sc.). Derzeit mache ich zudem meinen Master in Positiver Psychologie. Auf meinem Blog gebe ich Dir Denkanstöße dafür, wie Du Deine Ängste überwinden, mehr entspannen und Dich persönlich weiterentwickeln kannst.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Liebe Sarah,
    Danke für diese ausgewogene Perspektive! Minimalismus wird oft so glorifiziert und genau dieser Aspekt des resultierenden Stresses bleibt unerwähnt.
    Minimalismus ist genau so wenig ein Allheilmittel wie Veganismus, Nachhaltigkeit oder all die anderen Trends. Menschen sind nun mal unterschiedlich und was dem einen gut tut, bekommt dem nächsten ganz und gar nicht. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille und die hast Du zum Thema Minimalismus sehr schön beschrieben. Ich hoffe das dadurch viele zu einem entspannten Leben finden – mit so viel oder wenig Dingen, wie sich gut anfühlt.
    Liebe Grüße!

    1. Liebe Heidi,
      danke für deinen lieben Kommentar. Genau, ich halte es für besonders wichtig, die richtige Balance zu finden – und die mag für jeden etwas unterschiedlich ausfallen. 🙂

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